Folge 5: Reparatur als Meditation. Ein Besuch bei Le Mur.
Der große Jahresrück- und ausblick. Grazer Radhändler berichten.

Mike Brulz stammt aus der Nähe von Stuttgart. Schon als Jugendlicher entdeckte er das Radfahren als Sport für sich: „Es gab aber nie die Idee, ein Radgeschäft zu eröffnen." Nach Graz kam er, um Maschinenbau zu studieren. Er arbeitete in der Automobilindustrie und hatte jede Menge kleinerer und größerer Jobs. Einer davon: Radreparaturen für Freunde, Bekannte, Nachbarn. „Ich fand es interessant, dass man beim Rad eigentlich alles selber machen kann. Das Reparieren ist für mich eine sehr meditative Tätigkeit. Le Mur ist aber sicher auch wegen der Location entstanden."
Dazu muss man sagen, dass das Geschäft in der Griesgasse 24 mehr ist als ein Laden oder eine Werkstatt. Es ist ein Treffpunkt für radbegeisterte Menschen aus nah und weniger nah. Die Mountainbike-Szene trifft sich besonders gerne bei Mike und probiert neue Geräte auch gern gleich im weitläufigen Garten samt Teststrecke aus. Menschen, die sich für Lastenräder interessieren, reisen auch aus Kärnten und anderen Teilen Österreichs an, weil das Angebot und die Beratung hier besser sind als anderswo.
Le Mur hat löblicherweise auch ein Herz für den Nachwuchs. Mario wird im Herbst 2022 als einer der ersten Fahrradmechatroniker einer neuen Generation seine Lehre in der Griesgasse abschließen: „Der Mario ist so geschickt, der bräuchte wahrscheinlich keine Lehre. Aber bei uns ist er vielseitig einsetzbar, wir haben sogar ein bisschen Angst, dass wir nie wieder so einen guten Lehrling finden werden. Auch die Kundinnen und Kunden loben ihn sehr." Geschickt sein, technisches Verständnis, das ist eine Grundvoraussetzung für den Job, sagt Mike. „Wärmeausdehnung zum Beispiel, das muss man verstehen, das ist eines der häufigsten Phänomene bei Rädern. Hydraulik, Fahrwerk, da steckt heute schon viel High-tech drin."
Mag schon sein, dass in einem Auto noch mehr Technik zu finden ist, aber der Le-Mur-Chef ist sich sicher: „Das Rad macht dich zu einem besseren Menschen. Leichter, schneller, besser, umweltbewusster." So konzentrierte sich Mike schließlich 2014 auf das Zweirad, eröffnete das eigene Geschäft und betont acht Jahre später, es sei nach wie vor sein Traumjob. Das fünfköpfige Team hat nicht nur Spaß am Schrauben, sondern auch jede Menge Kompetenz im Verkauf. So ist Michaela, Mikes Frau, wohl eine der ganz wenigen Ex-Profifahrerinnen, die in einem heimischen Rad-Store spezielle Tipps und Tricks für Frauen bereithält.
Die Community fördert Mike mit seinem Team aktiv. Er hilft beim Bau von Trails. Und er fährt bei Veranstaltungen wie „Grazibor" mit, die er selbst für die kultigste in der Steiermark hält. Lob hat er auch für „ Ride around Graz" parat, die das Gruppenerlebnis in der lokalen Szene gesteigert haben.
Wie sieht Mike Brulz die Zukunft für den Radhandel angesichts des Online-Marktes? „Bei mir haben damals schon viele gesagt: ‚Noch ein neues Radgeschäft?‘ Das werden sich wahrscheinlich alle Newcomer anhören müssen. Aber vielleicht ist das irgendwann so omnipräsent wie die Friseur-Läden. Und alle haben nicht nur ein Rad, sondern vier. Ein Geschäft wie das unsere ist ‚real‘, wie die Jungen sagen würden. Bei uns kannst du fünf Helme ausprobieren und wir sagen dir, welcher der beste ist für dich. Und wir haben auch Produkte von Unternehmen, die gar nicht im Web vertreten sind, weil sie auf den Einzelhandel setzen. Für mich zählt der menschliche Kontakt mehr als ein cooler ‚Brand‘ im Internet."
Und wie sieht es mit den Lieferungen aus? „Auf manche Teile oder ganze Räder warten wir monatelang. Aber wir müssen glücklich sein, wir haben viele Räder da. Wir haben auch super Kundinnen und Kunden, die verstehen, warum sie Geduld haben müssen. Ich fände es übrigens schlau, sich jetzt ein Rad zu kaufen, bevor die Preise weiter steigen. Es ist schon klar, dass das von Lieferantenseite ab dem Sommer passieren wird."
Sein Lieblingsrad? „Definitiv mein derzeitiges Mountainbike. Ein Kona Process, das ist ein Enduro-Mountainbike, mit dem man bergauf und bergab fahren kann." Und die Lieblingsstrecke? „Den Plabutsch runter, das mündet dann unten in den Karolinenweg ein. Wenn man oben ist, glaubt man gar nicht, dass man in der Stadt ist. Weltweit werden Fahrräder überallhin geführt mit Pickups oder Bussen, damit man damit radeln kann. Wir hingegen fahren direkt mit dem Radl zum Trail. Das ist ein echtes Privileg."
Links:
LE MUR: http://le-mur.at
Folge 1: Vom Giro ins Univiertel.
Folge 2: Ein Mann mit hundert Rädern.
Folge 3: Drei Romans auf zwei Rädern.
Folge 4: Hier geht es rund.